Tour du Mont Blanc - Nonstop Bikepacking

Mein Erfahrungsbericht

Die Tour Du Mont Blanc - der epische Klassiker in der der Bikepacking Szene

Länge: 211 km
Höhenmeter: 9.100
Bruttofahrzeit (incl. Pausen): 41 h 50 min
Kalorien: 14.000

Die Tour Du Mont Blanc ist eine hochalpine Umrundung des Mont Blanc auf Wanderwegen mit dem MTB – hochalpin, technisch anspruchsvoll und grandios.
Die Strecke führt auf mindestens 175 km mit über 8000 Höhenmetern durch die Schweiz, Italien und Frankreich.

*Weitere Fotos zur Strecke mit ortsgenauer Zuordnung findet ihr auf Komoot.

  • Sight Seeing – 100% 100% 100%
  • Hike the Bike – gefühlt – 95% 95% 95%
  • Single Trails – 50% 50% 50%
  • Schwierigkeitsgrad – 9 von 10 90% 90%

Für Biker hat die Runde einen Schwierigkeitsgrad 9 von 10 mit einem Singletrail-Anteil von 50 %.
Hike the Bike ist eine beschönigende Umschreibung dessen, was einen auf dieser Tour erwartet.
Meine Variante basiert weitgehend auf dem Track von bikepacking.com, allerdings mit Start und Ziel im schweizerischen Martigny. So komme ich auf 211 km mit über 9100 Hm, geplant als nonstop Tour.

Höhenprofil der Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mt Blanc 1

Von der Faszination zur Planung

Etliche Male habe ich die Tour Du Mont Blanc auf bikepacking.com besucht, seitdem ich letztes Jahr erstmals auf sie aufmerksam wurde. Ich war fasziniert von dieser herausfordernden Umrundung dies gigantischen Granitmassives, bedeckt von einer gleißenden Eisschicht, umgeben von grünen, steil abfallenden Tälern.

Die Streckenbeschreibung verspricht eine epische Tour durch die wilde Bergwelt, weitgehend fernab von Ortschaften oder Skigebieten. Das Mont Blanc Massiv wird auf einer Strecke von 174 km umrundet. Dabei werden mehr als 8000 Höhenmeter überwunden, was eine durchschnittliche Steigung von mehr als 9 % oder rund 460 Hm/100 Streckenkilometern entspricht – was schon auf glattem Asphalt eine Herausforderung darstellt. 80% der Strecke sind nicht asphaltiert. 50% der Strecke sind alpine Singletrails, mit ausgedehnten Schiebepassagen bergauf und bergab. Dies spiegelt sich im Schwierigkeitsgrad 9 von 10.
Der nette Begriff „Hike the Bike“ zieht sich wie ein roter Faden durch alle Berichte, die ich im Vorfeld gelesen habe – damit erfährt der Begriff „Radwandern“ eine interessante Erweiterung.

Ich war auf der Suche nach einem Motivationsbooster. Mich faszinierte die Herausforderung, das Ausgesetztsein in der Natur, das Durchfahren der Nacht im Hochgebirge. Ich wollte wissen, wie viel Zeit mindestens für diese Umrundung notwendig ist. Die Idee einer nonstop Umrundung war geboren.

Die Vorbereitung der Tour mit Minimalgepäck

Ich wähle Martigny als Startort, da es für mich von Heidelberg aus am schnellsten zu erreichen ist. Die Zeit, die ich kürzer im Auto sitze, scheint gut investiert: Der Startort bringt zusätzliche 1000 Höhenmeter für die Runde.
Ich entscheide mich dafür, die Tour im Uhrzeigersinn zu fahren. Diese Richtung soll etwas weniger Schiebepassagen haben. Zudem umrunden die meisten Wanderer das Massiv in der entgegengesetzten Richtung, was dem Fahrfluss (und damit dem Fahrspaß) zugute kommt.

Apropos Fahrspaß: In letzter Minute habe ich noch eine kleinere Übersetzung montiert, was sich sehr bewährt hat.

Als Primärübersetzung für meine Rohloff Speedhub habe ich 34:17 gewählt, was in einer Entfaltung von 1,28m pro Pedalumdrehung resultiert. Dies entspricht ungefähr einer Montainbikeübersetzung von 29:52, also eine sehr kleine Übersetzung, selbst für MTB Maßstäbe.
Bei den ersten Fahrversuchen vor dem Haus erschienen mir die Gänge viel zu leicht… Auf der Tour kommen sie über lange Strecken zum Einsatz.

Ein weiterer Fahrspaß-Booster ist ein minimales Fahrgewicht. Ich habe versucht, mich auf ein Minimum an Gepäck zu beschränken: Handschuhe, Mütze, Stirnband, Regenschutz, Windweste, Arm- und Beinlinge, dazu etwas Werkzeug, Ersatzschläuche, Akkus für Navi und viel Licht für die nächtlichen Abfahrten und dazu einiges an Verpflegung für unterwegs, z.B. Müsliriegel, Waffeln, etwas Maltodextrin.
Auf der Strecke gibt es selbst tagsüber immer wieder längere Passagen ohne Ortschaften.

Bikepacking Strecke Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Auf der Tour

Brunnen am Champex Lac auf der Tour du Mont Blanc

Km 1 – 35 Vom schweizerischen Martigny  über Champex Lac ins Val Ferret

Ein wolkenloser Juli-Himmel begrüßt mich an einem frühen Mittwochmorgen im schweizerischen Martigny. Der Berg ruft… Ich sitze in einem der Cafés am Marktplatz und tauche ein frisches Croissant genüsslich in den heißen Milchkaffee. Ein letzter ruhiger Moment.
Dann geht es aus der Stadt hinaus Richtung Col de Forclaz. In steilen Serpentinen schlängelt sich die Straße die ersten 1000 Höhenmeter hinauf zum Pass. Abseits der Haupstraße geht es durch die höhergelegenen Ortsteile von Martigny, mit bis zu 30%igen Rampen, aber technisch einfach zu fahren.
Am Pass treffe ich auf den Wanderweg.

Immer wieder zwingen mich Steilpassagen, Wurzeln oder verblockte Abschnitte zum Schieben und Tragen.

Umso größer die Freude über jeden fahrbaren Meter.
Nach kurzweiligen dreieinhalb Stunden und 18 km erreiche ich die Alp Bovine auf knapp 2000 m Höhe. Der erste Pass des Tages ist geschafft.

Die freudige Erwartung einer rauschenden Abfahrt währt nur kurz. Angesichts des steilen, verblockten Trails mit vielen Drops und losen Steinen wird mir schlagartig bewusst, dass mich diese Terrain sehr schnell an die Grenzen meiner technischen Fahrskills bringt. Ich ärgere mich darüber, dass ich mich nicht richtig traue, mehr der Hindernisse fahrend zu überwinden.

Ein unfreiwilliger Bodenkontakt zeigt mir sehr deutlich meine fahrerischen Grenzen auf.

So bleibt mir nur, immer wieder abzusteigen und zu Fuß mit dem Rad über die Hindernisse zu balancieren.
Immerhin verspricht die Strecke eine steile Lernkurve meines fahrerischen Könnens. Ich war die längste Zeit Straßenfahrer und bewege mich erst seit knapp zwei Jahren auf meinem Rohloff All Terrain MTB ohne Federung durchs Gelände.

Im unteren Teil der Abfahrt wird der Weg breiter und besser fahrbar. Genuss pur.

Nach einem kleinen Gegenanstieg fahre ich bei km 28 durch Champex Lac, der letzte grössere Ort vor Courmayeur bei km 80. Hier gibt es eine Vielzahl von Einkehr- und Einkaufsmöglichkeiten.
Bemerkenswert ist hier, dass trotz der langen Abfahrt, die durchschnittliche Geschwindigkeit kaum ansteigt.

Ein kurzer Abschnitt auf der Strasse führt auf einen grandiosen Singletrail Abschnitt.

Er führt hoch über dem Val Ferret entlang einer steil abfallenden Bergflanke ins Tal. Der Weg ist teilweise so ausgesetzt, dass Halteseile für Wanderer am Wegesrand angebracht sind. Trotzdem ist der Abschnitt vergleichsweise einfach zu fahren.
Bei Streckenkilometer 32 ist der Talboden auf 1000 m Höhe nach über fünfeinhalb Stunden erreicht.

Bikepacking Tour du Mont Blanc

Km 35 – 54 Durch das Val Feret auf das Dach der Tour

Nun beginnt der nächste große Anstieg durch das Val Ferret hinauf zum Col Ferret. Der Pass ist mit einer Höhe von 2.537 m das Dach der Tour und markiert die Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Der Weg führt mit vorwiegend mässiger Steigung durch einige kleinere Orte stetig bergauf und ist vergleichsweise gut fahrbar.

Die Sonne hat ihren Zenit längst überschritten. Im Tal wird es richtig heiß und der Schweiß fließt in Strömen. Immer wieder treffe ich auf Brunnen mit köstlichem Nass. Dies gilt für die gesamte Strecke, so dass die Wasserversorgung – selbst nachts – nie zu einem Problem wird. Meist ist eine gefüllte Literflasche ausreichend. Nur nachts hatte ich mitunter mehr am Rad, um auf der sicheren Seite zu sein und nicht auf einmal ohne Wasser dazustehen.

Die Passhöhe ist nach rund 54 km und 9 ein halb Stunden erreicht. Das sollte locker reichen, um in Courmayeur noch eine Pizza zum Abendessen zu bekommen…

Bikepacking Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Km 54 – 80 Spektakuläre Aussicht und geduldiges Downhill

Vom Col Ferret habe ich eine spektakuläre Aussicht auf den Mont Dolent (3.823 m) und einige gigantische Gletscher. Jetzt geht es steil hinunter ins Tal. Ein schmaler Wanderweg mit steilen Kehren und felsigen Passagen in ausgesetztem Gelände geben mir wieder reichlich Gelegenheit meine Bikehandling-Skills zu verfeinern.

Natürlich muss ich immer wieder absteigen um das Rad über steile Felsstufen zu tragen. Ich versuche möglichst viel auf dem Rad zu rollen, was zunehmend besser klappt. Trotzdem benötige ich für die knapp 6 km und 750 Tiefenmeter ins Tal eine volle Stunde.
Diese Runde hat ihre eigene Zeitmetrik – eine ruhige Beschaulichkeit nach dem Motto „Nowhere going fast“.

Der vermeintliche leichte Weg bis Courmayeur entpuppt sich als ein weiteres hartes Stück Arbeit. Auf den Abstieg folgt unvermittelt ein steiler Gegenanstieg. Auch hier ist immer wieder Schieben angesagt.

Die Sonne senkt sich inzwischen gen Horizont und taucht die Landschaft in ihr warmes, rötliches Abendlicht. Am Berg wird eine friedliche Stille wahrnehmbar. Ein Gefühl hier oben alleine zu sein macht sich breit. Wanderer, denen ich tagsüber immer wieder begegnet bin, sind auf einmal von der Strecke verschwunden.

Km 65 Ein Schäferhund und meine Angst

Hinter einer Kurve versperrt mir eine große Schafherde den Weg. Es sind so viele, dass die Tiere kaum Platz zum Ausweichen haben. So schiebe ich mein Rad Stück für Stück in die Herde hinein.
Plötzlich taucht ein großer weißer Schäferhund bellend auf der anderen Seite auf. Für mich ist das Stress pur. Es ist diese Sorte von grossem, weißen Schäferhund, an der ich schon in der Vergangenheit meine Not hatte vorbeizukommen.

Ich rufe nach dem Schäfer, aber offensichtlich ist hier niemand in der Nähe.
Mit beruhigenden Worten wende ich mich vom Hund ab, versuche nicht bedohlich zu wirken, auch wenn mich mein Weg dem Tier zwangsläufig näher bringt.
Der Hund seinerseits bahnt sich bellend seinen Weg durch die Herde auf mich zu. Ich habe Angst – was hier nicht besonders hilfreich ist. Ich versuche den Weg zu verlassen und schiebe mein Rad in die steile Weide. So vermeide ich es, den Hund vom Weg drängen zu müssen. Ich hoffe, dass er das als deeskalierende Maßnahme würdigt und mich einfach vorbei lässt.

Der Abstand zwischen mir und dem Hund sind nur noch 2 oder 3 Meter. Immerhin befinden sich ein paar Schafe zwischen uns. Während ich mich mit der Frage beschäftige, ob der Abstand wohl reichen mag, passiere ich den immer noch bellenden Hund. Ich nehme all meinen Mut zusammen und peile einen entfernteren Punkt des Weges an. Der Hund hat sich inzwischen umgedreht. Immerhin scheint er mich nicht zu verfolgen, wie ich aus dem Augenwinkel beobachte.

Erst nach der nächsten Kurve traue ich dem Frieden und eine große Erleichterung macht sich breit, diese Situation gemeistert zu haben.
Einen halben Kilometer weiter steht der junge Schäfer telefonierend am Wegesrand. Ich grüße freundlich.

Schäferhunde beim Bikepacking
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Km 80 Pizza und Espresso in Courmayeur

Nach weiteren zähen Kilometern über ein Wellblechprofil geht es endlich in rasanter Fahrt bergab Richtung Courmayeur im Aostatal. 10 km in weniger als einer halben Stunde ist einer der schnellsten Abschnitte bislang.

Nach knapp 80 km und 12,5 Stunden Fahrzeit rolle ich auf den abendlich belebten Marktplatz in Courmayeur. Ich suche mir ein Restaurant, in dem ich draußen sitzen kann, so verschwitzt und staubig wie ich aussehe.

Zufrieden genieße ich meine große Pizza mit Cola, eine Crème Caramel als Nachtisch und den mit Abstand besten Espresso auf der Tour.

Eine vorsichtige Euphorie macht sich breit: So schlimm ist die Tour ja gar nicht. Inzwischen ist die Sonne untergegangen und die Dunkelheit senkt sich über das Tal. Ich fülle meine Flaschen und krame meine Warnweste aus der Satteltasche. Letzte Vorbereitungen für eine lange Nacht.

Km 85 Hunde in der Dunkelheit

Ich rolle hinaus aus Cormayeur durch eine Art Industriezone in der Peripherie, die auch in der Dunkelheit nicht an Attraktivitätr gewinnt.
Irgendwann nur noch Wald und Nacht. Natürlich geht es wieder hinauf. Auf einer kleinen asphaltierten Straße geht es vorbei an einsam gelegenen Häusern.
Immer wieder schlagen Hunde an. Bei einem Haus laufen die beiden Vierbeiner frei herum, das Grundstück war auch nicht umzäunt, so dass sie mir laut bellend entgegen kamen, während ich mich schnaufend ihrer Einfahrt nähere.

Auch hier muss ich vorbei. Diesmal erscheint es mir chancenlos die Köter friedlich zu stimmen. Immerhin befinde ich mich jedoch auf einer öffentlichen Straße und nicht auf ihrem Grundstück. Ich trage tief in meinem inneren die Überzeugung, dass ich hier ein Recht habe, weiter zu fahren.
Trotzdem keimen Zweifel in mir, ob die beiden ein so differenziertes Verständnis haben.

Ich passiere die breite Einfahrt mit maximalem Abstand, steige vom Rad und verwende es unter lautem Drohgebell als Schutzwall. Gleichzeitig brülle ich die Hunde an und blende sie mit meiner Lampe. Dies scheint sie zumindest davon abzuhalten mir noch näher zu kommen. Ich sehe zu, dass ich schnell vorbei komme.

Das Adrenalin im Blut hilft mirhinweg über die nun folgenden Raupenpisten durch ein Skigebiet – gut fahrbar, aber teilweise so steil, dass ich trotzdem absteigen und schieben muss.

Bikepacking Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Km 80 – 106 Durch die Nacht über den Col de la Seigne

Der Abschnitt nach Courmayeur hat auf 50 km über 3000 Höhenmeter, ohne eine größere Ortschaft, d.h. auch ohne Verpflegung. Zudem sind alle Hütten nachts  geschlossen. Aber mit vollem Bauch schreckt mich das wenig. 

Erst im Wald, später über Wiesen, geht es stetig hinauf. Es ist stockdunkel, zumindest außerhalb des hellen Lichtkegels meiner Lampe. Nach ein paar sehr dunklen Stunden zeigt sich der helle Mond für eine kurze Zeit über den steil aufragenden Alpengipfeln, die den Horizont begrenzen. Er taucht die Szenerie in sein silbernes Licht. Die  bizarre Landschaft wirkt surreal. Immer wieder durchbricht das mächtige Donnern der kalbenden Gletscher in der Ferne auf der anderen Seite des Tals die Stille der Nacht.

Nach knapp drei Stunden ist bei Streckenkilometer 95 ein weiterer Pass auf 2400m Höhe erreicht.
Steil, aber schön zu fahren, geht es hinunter ins Val Veny (1960 m). Und dann gleich wieder hinauf… Hier verschwimmen die Erinnerungen… Es folgt ein nicht enden wollender Anstieg hinauf zum Col de la Seigne (2512 m), über die italienisch-französische Grenze bei km 106, den ich um 5 Uhr im Morgengrauen erreiche. 

Km 106 – 121 Frühsport ohne Frühstück am Col de la Croix de Bonhomme

Die folgenden 1000 Tiefenmeter hinuter vom Col de la Saigne scheinen einfach gewesen zu sein, zumindest kann ich mich nicht an grössere Hindernisse erinnern.
Später folgt eine längere Abfahrt auf Asphalt, die mich in den kleinen Ort Les Chappieux (km 115 – 1500m) bringt.

Ich bin müde. Aber im Ort regt sich noch nichts. Leider bin ich viel zu früh für das lange ersehnte Früstück mit einem heißen Kaffee.
So geht es ohne Pause in den nächsten endlos langen Anstieg hinauf zur Refuge du Col de la Croix du Bonhomme (2460m, km 121). Die Hütte ist schon von weit unten in Tal zu sehen. So nah, und doch so fern…

Das Gelände ist technisch nicht besonders anspruchsvoll, aber unglaublich steil. Es geht durch nicht enden wollende Schiebepassagen, unterbrochen durch kürzere Abschnitte, die ich versuche zu fahren, bis die Steigung mich wieder zum Schieben zwingt.
Endlich stehe ich vor der Hütte am Croix du Bonhomme. Mittlerweile bin ich über 26 Stunden auf den Beinen.  Ein neuer Tag hat schon längst begonnen.

Bikepacking Tour du Mont Blanc
Mountainbike Trail am Mont Blanc

Km 122 Klettereinlage im steilen Granit

Der Abstieg vom Croix du Bonhomme ist extrem ausgesetzt und steil. Es ist der einzige Abschnitt, auf dem ich mich mit dem Rad wirklich unwohl und deplatziert fühle. Umso mehr, als der wolkenlose Himmel und die warmen Temperaturen viele Wanderer an den Berg locken, die mir immer wieder verwunderte bis kopfschüttelnde Blicke zuwerfen.

 

Ein freundlicher Wanderer hilft mir, eine Kletterpassage im Fels mit dem Rad zu überwinden.

Es folgt eine steile Felswand mit nur schmalen Tritten, steil hinunter. Im Anschluss muss ein Felsabbruch gequert werden. Enge Felsspalten und meterhohe Granitblöcke gilt es zu überwinden.
Diesen Abschnitt hätte ich nur schwerlich ohne fremde Hilfe passieren können!
Auch die Strecke danach ist weit davon entfernt, fahrbar zu sein. Immer wieder geht es durch Engstellen, die ich abseits des eigentlichen Wegs passieren muss, da die Durchgänge zu eng fürs Rad sind.

Über eine Stunde brauche ich für weniger als einen Kilometer in diesem Gelände.
Ich weiß nicht, was ich an dieser Stelle gemacht hätte, würde ich sie ein paar Stunden früher in der Nacht passiert haben.

Dies ist der einzige Abschnitt, den ich bei einer erneuten Planung umgehen würde.

Km 138 Pizza, die Zweite bei Les Contamines

Der Rest dieser sehr langen Abfahrt ist vergleichsweise einfach und erfreulich. Anfangs geht es über technisch anspruchsvolle Trails, steil, mit Felsblöcken und losen Steinen. Ich kann sie größtenteils auf dem Rad meistern.

Später werden die Wege breiter. Auf dem groben Schotter werde ich richtig durchgeschüttelt. Hier wünsche ich mir tatsächlich eine Federgabel. Dann folgen erste Asphaltstücke, die auf Grund des großen Gefälles immer wieder durch felsige Abschnitte unterbrochen sind.
Im Tal sehe ich die ersten kleineren Dörfer, sehnsüchtig von mir erwartet, denn ich habe immer noch nicht  gefrühstückt und bin mächtig hungrig.

Kurz nach Les Contamines, nach 138 km und über 30 Stunden auf dem Rad, finde ich um die Mittagszeit eine Pizzeria – mein zweiter Pausenstopp.

Bikepacking Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Km 138 – 147 Bleierne Zeit am Col de Voza

Die Auffahrt zum Col de Voza (1591m, km 147) ist erneut unglaublich steil. So steil, dass sogar das Schieben richtig anstrengend ist. Selbst die Pizza sorgt nur für eine kurz anhaltende Stärkung. Immer wieder muss ich anhalten, um zu verschnaufen. So komme ich kaum mehr voran.

Die Nachmittagssonne knallt vom Himmel. Es ist unerträglich heiß. Habe ich zu wenig getrunken?
Große Müdigkeit legt sich bleiern über jede Bewegung, macht jeden Schritt unendlich mühsam und zäh. Das macht gerade überhaupt keinen Spaß mehr. Selbst die beeindruckende Aussicht auf die Nordseite des Mont Blanc mit ihren weit ins Tal reichendem Gletscher wirkt nicht mehr aufmunternd.

Als ich die Schienen der Mont Blanc Bahn kreuze, keimt erneut Hoffnung auf, weiß ich doch, dass danach eine lange und gut fahrbare Abfahrt nach Les Houches (1000m, km 158) auf mich wartet.

Km 147 – 184  Durch Chamonix auf den Col de Balme

Das Arve Tal ist erreicht. Der Weg führt entlang des Flusses durch Chamonix hinauf Richtung Argentiere. Hier verlasse ich den geplanten Track, in der Hoffnung, dass ich auf der Straße einfacher vorwärts komme. Vielleicht hat mir das ein paar Gegenanstiege erspart.

Nach 36 Stunden im Sattel durchlebe ich mein tiefstes Tief auf der Tour.

Im Tal hat es deutlich über 30 Grad. Ich bin unendlich müde und kraftlos. Und ich realisiere, dass ich in der letzten Zeit viel zu wenig gegessen habe.

Ich brauche eine Pause. Kurz vor Ladenschluss finde ich in Argentiere eine Bäckerei – buchstäblich in letzter Minute.
Baguette, Croissant und einen Cappuccino werden inhaliert und entfalten prompt ihre lebenserneuernde Wirkung.
Ich nehme mir vor, mehr zu essen und zu trinken!

Mit diesen guten Vorsätzen fahre ich gestärkt weiter. 1000 Höhenmeter liegen vor mir. Die steilen Pistentrassen führen durch ein Skigebiet hinauf zum Col de Balme (2195m, km 184).
Ich versuche möglichst viel zu fahren. Und wenn ich schon schieben muss, dann wenigstens ohne alle paar Meter anzuhalten. Der Kaffee und das Wissen, dass dies der letzte große Anstieg ist, geben mir Hoffnung und Kraft.

 

Bikepacking Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Die Sonne senkt sich und überzieht die Bergwelt mit einem lila Schleier, während ich Meter für Meter an Höhe gewinne. Als ich die Hütte am Pass erreiche ist es bereits schon wieder Nacht.

Während ich meiner Flasche auffülle, fragt mich der Hüttenwirt, ob es mir gut gehe und ob ich noch etwas brauche? Sein offenes Kümmern um einen Fremden des Nachts berührt mich. Ich verneine und bedanke mich herzlich.

Beim Weiterfahren realisiere ich, dass dies nur ein Zwischenpass war und es noch mehrere hundert Höhenmeter weiter hinauf geht.

Unvermittelt stehe ich vor einem großen Schneefeld, recht rutschig und steil. Zudem ist nicht klar, wo der Weg weiter gehen soll? Der Track und die Spuren auf dem Schnee waren nicht in Übereinstimmung zu bringen.

Km 184 – 189 Steile Abfahrt durch den nächtlichen Wald

Ich entscheide mich zurück zur Hütte zu fahren, um nach einer Alternativroute zu fragen.
Der Hüttenwirt bestärkt mich, die Strecke zu ändern. Es sei dieses Jahr noch zu viel Schnee im Berg. So nehme ich den direkten Weg ins Tal.
Der Wanderweg ins Tal ist natürlich wieder sehr steil, führt anfangs tief ausgewaschen über Wiesen, um sich dann in engen Serpentinen durch den Wald zu schlängeln.

Dies ist eine der technisch schwierigeren Abschnitte, mit vielen Stufen, lockeren Steinen aller Grössen und Wurzelpassagen.

Der helle Lichtkegel meine Lupine Pico schneidet ein tunnelartiges Fenster in die Dunkle Nacht und kreiert eine unwirklich anmutende Szenerie. Ich zirkle das Rad zwischen Felsbrocken hindurch, selbst kleinere Stufen nehme ich in diesem mega präsenten Flow.
Immer wieder muss ich mich entscheiden: Absteigen oder Drüberfahren, ein spielerischer Tanz auf Suche nach dem idealen Weg durch dieses Labyrinth aus Hindernissen, ein holperndes Hinunterschweben ins Tal.

Die Freude über die spürbar gewachsene Sicherheit auf dem Rad in schwerem Gelände, die Dunkelheit um mich herum, eine gewisse übermüdete Euphorie, all dies verschmilzt bei der Abfahrt zu einem hellwachen Bewusstsein. Ein hellwacher Traum.

Wohlbehalten erreiche ich den Talboden nach einer rund 900 Tiefenmeter Abfahrt in nur einer halben Stunde. Sicherlich eines meiner Highlights der gesamten Tour. So dicht können Tiefs und Hochs beieiander liegen.

Bikepacking Tour du Mont Blanc
Bikepacking Tour du Mont Blanc

Km 189 – 211 Zurück in Martigny – Alles hat ein Ende

Jetzt geht es nur noch knapp 200 Höhenmeter hinauf zum Col de Forclaz (1500m, km 192), gefolgt von einer rauschenden Abfahrt hinunter ins nächtliche Martigny.

Ich geniesse diese 1000 Tiefenmeter Abfahrt auf der Straße. Der Fahrtwind braust in meinen Ohren. Begleitet von sinfonischen Klängen rausche ich ins Tal. Von Kehre zu Kehre sinke ich tiefer in das Lichtermeer des nächtlichen Martigny.

Fast unvermittelt finde ich mich vor meinem Auto wieder, auf dem riesigen, mittlerweile leeren Parkplatz.
Ich bin hellwach – zumindest gefühlt – in der stillen Euphorie des Angekommenseins. 

Ich bereite mich aufs Schlafen vor. Ich realisiere, wie die Anspannung im Liegen langsam von mir abfällt. Eine tiefe, wohlige Zufriedenheit breitet sich aus. Dann falle ich in tiefen Schlaf – immer noch ziehen surreale Landschaften an meinem inneren Auge vorbei.

Erfahrungen, Anregungen, Fragen…

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Teile diesen Beitrag